The Night before Halloween

Da die Nacht vor der Nacht, die Halloween sein wird, bereits angebrochen ist, und ich auf www.allhallowsread.com hingewiesen habe, ist es wohl nur fair, ebenfalls eine Geschichte zu verschenken. Die Geschichte, die ich im Sinn habe, ist klein und etwas gemein (und typisch für Geschichten, die man sich in der Nacht vor der Nacht, die Halloween sein wird, erzählen kann). Sie heißt

 

Die Tür

 

 (ich habe sie heute Nachmittag, als es noch hell war, geschrieben – und jetzt schleicht sie sich in den Blog, zu Kürbiskopflicht und Herbstnachtrauschen) und sie geht so:

 

Alle sagen sie, dass ich die Tür nicht öffnen darf. Aber so sind Erwachsene eben, oder?

 

„Wenn du die Tür öffnest, dann holen sie dich.“

„Wer?“

„Die, die hinter der Tür sind.“

 

Auch die anderen Kinder kennen die Geschichten von den Türen. Manchmal sind sie da, manchmal nicht. Aber jeder hat sie schon einmal gesehen. Meistens bei sich daheim.

 

„Meine Eltern haben es auch gesagt. Man darf die Türen, wenn man sie findet, einfach nicht aufmachen.“

„Wegen der Dinge, die dahinter sind.“

„Und wenn doch?“, habe ich gefragt.

„Dann bist du selbst schuld.“

„Was machen sie dann mit mir?“, habe ich gefragt. Keine Ahnung, wer „sie“ sein sollen.

„Sie fressen dich.“

„Wenn du Glück hast.“

„Und wenn du Pech hast.“

„Dann tun sie etwas Schlimmeres.“

„Okay“, ist alles, was ich dazu sage.

 

Aber: ich denke darüber nach.

 

Denn: Meine Freunde kennen alle eine Tür wie diese. Die meisten haben sie aber nicht geöffnet. Behaupten sie jedenfalls.

 

„Wir hatten Angst“, sagen sie.

„Wovor?“

„Vor dem, was hinter der Tür ist.“

 

Ich habe mit Freddy darüber gesprochen. Freddy sitzt in der Schule neben mir. Wir besprechen alles. Außerdem mag er Gruselfilme. So wie ich.

 

„In den Filmen öffnen sie manchmal Türen wie diese“, sagt er in der Pause.

„Ja“, antworte ich. Denn es ist Pause und heller Tag und die Tür ist weit weg.

„Könnte interessant sein.“

„Ja.“

„Also?“

„Mal schauen.“

 

Am Nachmittag stehe ich lange Zeit vor der Tür. Sie sieht nicht aus, wie etwas, wovor man sich fürchten muss. Eine normale Tür eben. Sie ist aus Holz, mit einem silbernen Griff. Ich glaube nicht, dass sie abgeschlossen ist.

 

„Nicht alle Türen, die man nicht öffnen sollte, sind abgeschlossen.“ Das hat mein Vater gesagt.

„Du wirst es bereuen, wenn du nicht auf uns hörst.“ Das hat meine Mutter gesagt.

„Ist schon gut.“ Das habe ich gesagt.

 

Das war vor zwei Wochen. Heute ist Halloween. Freddy ist hier. Wir waren Süßigkeiten sammeln. Freddy ist als Vampir verkleidet und ich als Mumie.

 

Wir stehen vor der Tür. Sie befindet sich im ersten Stock. Außer uns ist niemand im Haus.

 

„Du oder ich?“, fragt Freddy.

„Ich.“ Jeder von uns hat eine Taschenlampe dabei. Für alle Fälle, man weiß ja nie.

„Na, dann eben du.“

„Okay.“

 

Mutig trete ich vor. Meine Hand berührt die Klinke. Sie ist kalt. Ich drücke sie herunter. Etwas macht ein Geräusch. Etwas, das dahinter ist? Vermutlich aber nur die Tür selbst.

 

„Sie ist wirklich offen“, stelle ich fest.

Freddy tritt neben mich. „War doch klar“, sagt er.

 

Die Tür öffnet sich einen spaltbreit. Die Luft riecht komisch. Wie altes Essen, nur anders.

 

„Und?“

Ich zögere.

Freddy wird ungeduldig. „Lass mich vorgehen.“

 

Er schiebt mich zur Seite und öffnet die Tür ganz.

 

Es ist dunkel in dem Raum, der hinter der Tür liegt. Freddy sieht mich an, dann geht er mit der Taschenlampe hinein.

 

Ich höre seine Schritte. Sie sind ganz weit weg. Die Taschenlampe wird zu einem kleinen Punkt.

 

„Freddy?!“ Nichts!

Nur Wind, aus der Ferne.

 

Dann geht die Taschenlampe in der Tiefe des Raumes hinter der Tür aus und ich höre, wie Freddy zu schreien beginnt. Die Schreie entfernen sich immer weiter, als würden sie mitten in die Dunkelheit fallen. Als würde etwas ihn nach hinten ziehen.

 

Dann ist es still.

 

Ich zittere. Die Taschenlampe in meiner Hand ist nicht eingeschaltet. Ich habe Angst.

 

„Freddy?!“ Meine Stimme ist viel zu leise.

Nicht einmal der Wind antwortet mir.

 

Dann schließe ich die Tür. Langsam, vorsichtig. Damit niemand es hört. Wenn man sie von außen öffnen kann, dann kann man sie bestimmt auch von der anderen Seite öffnen.

 

Ich warte. Starre die Tür an.

 

Irgendwann muss er ja zurückkommen. Oder?

 

Draußen ist es still. Die Zeit vergeht.

 

Plötzlich bemerke ich, dass die Klinke sich bewegt. Ich hoffe, es ist Freddy. Nichts anderes.

 

Ende

Halloween 2011

Darüber hinaus kann man in der Bibliothek die neuen Cover von LYCIDAS, LILITH und LUMEN bewundern (sie kommen dem ersten Entwurf des LYCIDAS-Covers, der damals verworfen wurde, sehr nahe).

Auf dem Lesetisch: „Noho“ von James Davis und (einfach wunderbar) „Die große Wörterfabrik“ von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo. Und morgen, an Halloween, wie gesagt „October Dreams“ (wie jedes Jahr).

Zurück nun zu der Geschichte, die gerade entsteht (ebenfalls zu Kürbiskopflicht und Herbstnachtrauschen – und der Musik von Tori Amos).

Tipptipptipp …

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